Irres Staffelrennen als Krönung
Was für ein furioser Schlusspunkt! Nach einer verrückten letzten Runde des Männer-Staffelfinales fand sich die schon chancenlos scheinende deutsche Staffel auf dem Siegerpodest wieder. Man darf im Shorttrack eben nie aufgeben, auch nicht, wenn man zurückliegt. Ein Sturz zweier Konkurrenten und die Disqualifikation des dritten Beteiligten bescherten Robert Seifert, Paul Herrmann, Robert Becker (alle Dresden) und Torsten Kröger (Rostock) den ersten deutschen Weltcupsieg in der Shorttrack-Geschichte.
Der gesamte Staffel-Wettbewerb der Männer hatte − angefangen vom Rekord-Vorlauf am Freitag (Südkorea WR, Deutschland DR) − einen absolut spektakulären Verlauf. Im B-Finale unterbot WM-Gastgeber Großbritannien auf dem schnellen Dresdner Eis den Weltrekord der Südkoreaner vom Freitag: 6:37,877 Minuten! Auch die Niederländer rasend schnell:6:38,215. Damit fiel Deutschlands Vorlaufzeit aus den Top-3 des Weltcups heraus und die Hintertür für die WM-Qualifikation erst einmal zu.
»Das hat uns schon einen ganz schönen Dämpfer verpasst, als wir das gesehen haben«, meinte Staffelläufer Robert Becker. Doch das DESG-Quartett tat dennoch alles, um seine Außenseiterchance zu nutzen. Einige Zeit blieb es mit den Favoriten auf Tuchfühlung, gegen Ende des Rennens war es für Paul Herrmann und den ebenfalls starken Torsten Kröger immer schwerer, die entstandenen Löcher zu schließen. Dennoch kämpften alle um jeden Meter weniger Rückstand − und genau das sollte sich am Ende als goldrichtig erweisen. Denn schon eine Drittelrunde Rückstand mehr, und Südkorea sowie Kanada hätten sich schneller aufgerappelt (bzw. gewechselt) als Paul Herrmann hätte vorbeigehen können.
Die Disqualifikation der Chinesen, die Deutschland sogar den Sieg bescherte, wurde noch lange nach dem Zieleinlauf von Insidern diskutiert. Wie nach Rennschluss zwei Südkoreaner den Chinesen (beide sind in Asien so etwas wie Erzrivalen) fast an die Gurgel gehen wollten, muss irgendetwas vorgefallen sein. Hingegen nahm Kanadas Schlussläufer Michael Gilday auf speedskating.ca die Ursache indirekt auf sich: »Wir lagen an Position drei, und ich versuchte, innen zu überholen. Da brach das Eis weg, ich fiel und riss den Koreaner mit.«
Wie auch immer − die deutschen Shorttracker und die 2200 begeisterten Zuschauer feierten eine große Party. »Das ist mehr als unglaublich«, meinte Bundestrainer Michael Kooreman. Und Schlussläufer Paul Herrmann schildert seine Sicht der letzten Runde: »Ich habe den Sturz nicht gesehen, aber gehört − das plötzliche Zuschauerspektakel war unglaublich«, so Herrmann, »als ich um die Kurve bog, sah ich nur ein Knäuel auf dem Eis, und ich hatte damit zu tun, es ohne eigenen Sturz zu umfahren.«
Mit diesem Weltcupsieg rückten die deutschen Männer auf Platz sieben der Weltcupwertung vor und haben damit die Fahrkarte zu den Weltmeisterschaften vom 11. bis 13. März in Sheffield. Dort starten der Gastgeber und die Top-7 im Weltcup. Die Zeitklausel verfällt, weil die drei schnellsten Weltcupstaffeln (GBR, KOR, NED) sowieso qualifiziert sind (mehr über die Qualifikation).
Die deutsche Frauenstaffel muss nach Platz 10 beim Heim-Weltcup zwar zusehen, hat sich aber riesig über den Erfolg der Männer mitgefreut und zugleich gespürt, dass sich das harte Training künftig auch für sie auszahlen kann. In Dresden setzten sich die Damen aus den USA vor Südkorea und Kanada durch.
Auch auf den Einzeldistanzen setzten die deutschen Shorttracker einige Akzente. »Jetzt weiß ich, wo ich in Zukunft hinwill. In die Finals.« Das aus dem Munde eines deutschen Shorttrackers sind neue Töne. Doch Robert Seifert hat in Dresden gezeigt, dass es er draufhat. Sein Sprintvermögen ist über jeden Zweifel erhaben: Sein neuer Deutscher Rekord von 41,156 Sekunden aus dem Viertelfinale war die zweitschnellste Zeit des gesamten Wettbewerbs. Taktisch hat er noch Reserven, weswegen er mit einem (denoch hochwertigen) achten Platz vorliebnehmen musste. Doch in allen Runden hat er die Dresdner Zuschauer begeistert. Er hat das Zeug fürs Treppchen!
Für einen starken Weltcup belohnt wurde er am Ende − zusammen mit seinen Teamkollegen − durch den überraschenden Sieg im 5000-m-Staffelfinale. Doch auch vor diesem verrückten Rennen stand schon fest: Es war der erfolgreichste Weltcup der Saison. Wie Seifert stand auch Bianca Walter im B-Finale, wurde über 1000 Meter Achte. Das Viertelfinale hatten auch Christin Priebst (14. über 1000 Meter), Josephine Meschnik (17. über 500 Meter) und Torsten Kröger (15. über 500 Meter) erreicht. Verglichen mit den ersten vier Weltcups spielen die deutschen Shorttracker schon wenige Wochen nach dem Amtsantritt von Bundestrainer Michael Kooreman eine ganze Liga höher.
Gegenüber desg.de sagte Bianca Walter: »Ich bin überglücklich. Das war ein Ausrufezeichen, wie ein Signal für mich – vor diesem Publikum. Jetzt werde ich im Frühjahr das Abi bauen und dann geht’s richtig los im nächsten Jahr.«
An der Spitze gab es ein ungewöhnlich buntes Bild: Die zehn Weltcupsiege gingen in sechs Länder: Kanada, USA, China, Südkorea (je 2), Frankreich und Deutschland; aufs Siegerpodest schafften es zudem Italiener und Japaner, in Endläufe auch Niederländer, Briten und Russen. Es gab Zeiten, da standen einen ganzen Weltcup lang überhaupt keine Europäer in irgend einem A-Finale.
Doppelsiege gab es in Dresden für die Kanadierin Marianne St-Gelais (2x 500 Meter) sowie die Südkoreanerin Yang Shin-Young (1000 und 1500 Meter). Leer ausgegangen sind diesmal allerdings die in den vergangenen Weltcups überragenden Katherine Reutter (USA) und Noh Jin-Kyu (Südkorea). Allerdings gelang Reutter ein Sieg mit der Staffel und Gesamt-Weltcup ein Doppel-Triumph (1000 und 1500 Meter). Über 500 Meter der Damen setzte sich in der Gesamtwertung Marianne St-Gelais durch, bei den Staffeln China. Die Saisonsiege bei den Männern holten Simon Cho (USA, 500), die Franzosen Thibaut Fauconnet (1000) und Maxime Chataignier (1500) sowie bei den Staffeln Kanada.
Nächster internationaler Höhepunkt sind die Weltmeisterschaften vom 11. bid 13. März im britischen Sheffield. Deutschland ist dort mit je zwei Männern und Frauen auf den Einzelstrecken sowie der Männer-Staffel vertreten. Anders als bei Europa- werden bei Weltmeisterschaften außer im Mehrkampf auch Titelträger auf den Einzelstrecken 500, 1000 und 1500 Meter gekürt. Ein Woche später finden in Warschau zum letzten Mal Mannschafts-Weltmeisterschaften statt. Diese Art Titelkämpfe wird wegen mangelnden Interesses danach abgeschafft.

